Verehrte Großbeamte, liebe Matriarchen und Patriarchen



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I Vortrag: Petra Schulz

Offenheit

Verehrte Großbeamte, liebe Matriarchen und Patriarchen,
mein Name ist Petra Schulz und meine Heimat im Sinne des Odd Fellow-Ordens ist meine Rebekka-Loge Elisabeth in Berlin. Ich habe heute die Ehre, hier vor diesem Gremium über meine Gedanken und Überlegungen zum Thema Offenheit zu sprechen.

Für jeden Odd Fellow bedeutet Offenheit: offene Türen, offene Arme, offene Herzen. Odd Fellows sind menschliche Idealisten, die leider oft genug auf gesellschaftliches Misstrauen stoßen. Dabei: Wir sind doch die Guten! Warum glaubt uns das keiner? Denn - wer kennt uns schon?

Können wir dieses Nichtwissen, diese Ablehnung überwinden, indem wir uns mehr und weiter öffnen?

Offenheit ist ein vordergründig schlichter Begriff, aber je mehr und je länger man darüber nachdenkt, umso vielfältiger wird er. Offenheit birgt beides - Chancen und Risiken zugleich.

Eine offene Tür ist eine Einladung für Menschen, die uns willkommen sind, aber sie ist ebenso ein Risiko, dass ungebetene Gäste durch genau diese Tür treten. Wir müssen daher schauen, wer durch diese Tür zu uns hereinkommen möchte und entscheiden, ob der Zutritt wünschenswert ist. Lassen wir eine Tür unbewacht offen, sind wir angreifbar, verletzlich oder vielleicht sogar in Gefahr.

Mit offenem Gelände ist es ebenso: unser Blick kann weit schweifen, aber auch wir sind von weitem sehr gut zu sehen. Wenn wir aktuell auf Europa schauen, erleben wir die Vorzüge der nicht oder kaum mehr vorhandenen Grenzen, was das Reisen wunderbar vereinfacht. Aber offene Grenzen ermöglichen auch leider völlig unkontrolliert jedem Menschen den Zutritt in unsere Sozialsysteme, auch denen, die sie missbrauchen wollen. Dabei ist gerade dieser Aspekt für uns Odd Fellows höchst schwierig, wollen wir doch allen Menschen, die guten Willens sind, einen Platz in unserer Geschwisterkette einräumen. Aber ob ein Mensch guten Willens ist, muss man an der offenen Grenze leider kontrollieren.

Wenn etwas offen ist, dann lässt es sich schwer absichern, schützen, ist es also unsicher. Das merken wir schnell auch bei den ganz gewöhnlichen Entscheidungen des Alltags: da ist es noch offen, wohin wir in Urlaub fahren, erst wenn die Entscheidung wirklich gefallen ist, weiß man, ob man Wanderschuhe oder Flipflops einpacken muss. Oder wir lassen uns gern offen, ob wir dieser oder jener Einladung folgen, ob wir z.B. an einer Tagung teilnehmen werden. Daraus resultiert für die Veranstalter dann die Unwägbarkeit, ob etwas ein Erfolg wird. Im Vorfeld zu dieser Tagung hier war lange offen, wie viele Teilnehmer aus Deutschland kommen würden. Viele konnten sich aus welchen Gründen auch immer nicht so recht entscheiden. Das ist für die, die die Vorbereitungen treffen müssen, kein schönes Arbeiten.

Sich etwas offen zu halten ist genau die Bequemlichkeit, die denen, die sie für sich in Anspruch nehmen, größtmöglichen Freiraum lässt, aber denen, die damit zurechtkommen müssen,


Unsicherheiten in jeglicher Hinsicht beschert. Das ist ja häufig die Krux bei Gesprächen mit Menschen, die sich durchaus für eine Mitgliedschaft in unseren Logen interessieren, aber spätestens bei dem Punkt, in welchen regelmäßigen Intervallen unsere Logen tagen, einen Rückzieher machen. Diese, mit Verlaub, verdammte Unverbindlichkeit! Ja, ich weiß, das hört sich schwerwiegender an, als: „Liebe Frau Schulz, das ist ja wirklich alles ganz schön, aber jeden Montag! – da halte ich mir meinen privaten Terminplan doch lieber offen für alle Eventualitäten, die mir das Leben so über den Weg schickt.“ Dieser Gesprächspartner ist nach allen Seiten offen, um immer das zu tun, wozu er Lust und Laune hat – aber nicht willens, eine lebenslange regelmäßige Verpflichtung einzugehen.

Natürlich weiß ich, dass die Offenheit, über die wir uns hier Gedanken machen wollen, nicht die der offenen Türen, Grenzen oder die von fehlenden Hecken oder Zäunen ist. Und doch sind gerade diese gegenständlichen Beispiele gute Symbole dafür, uns die Chancen aber auch die Gefahren von zu viel oder zu wenig Offenheit zu vergegenwärtigen. Wenn Türen oder Fenster offen sind, dann kann man hinein-, hinaus oder hindurchgehen, hineingreifen, hinein- oder hinaussehen. Viele unserer Logenhäuser nutzen diese Chance im Rahmen von Aktionen wie „Tag der offenen Tür“, in der Hoffnung, dass viele Neugierige kommen, um einmal in ein Logenhaus zu schauen. Wir öffnen also hin und wieder schon einmal Türen, die sonst für oberflächlich Neugierige verschlossen bleiben.

Wenn Gardinen an Fenstern fehlen, kann jeder hineinschauen und sehen, was die Bewohner tun; wenn Grundstücke nicht von schützenden Hecken umsäumt sind, kann jeder sehen, wann die Hausbesitzer auf der Terrasse frühstücken. Nicht jeder will wirklich so viel von seinem Privatleben preisgeben. Andererseits, wenn wir uns in unserem schönen Gastgeberland umschauen, sehen wir, dass hier in den Niederlanden der Blick in die privaten Stuben und Küchen viel selbstverständlicher ist als bei uns in Deutschland. Gibt es hier mehr Offenheit? Und wenn ja, mit welchem Erfolg?

Offenheit ist lt. Duden das Verhalten, sich nicht zu verstellen und ehrlich zu sein. Interessant ist dabei durchaus, daß es nur eine Offenheit gibt, denn es gibt keinen Plural. Weiter wird ausgeführt, Offenheit sei gleichzusetzen mit Aufgeschlossenheit, und dies sei das Verhalten, für neue Ideen bereit zu sein. Darauf werde ich später noch zurückkommen.

Aufgeschlossene Menschen mit viel Offenheit werden beschrieben als  Einfallsreich, originell, erfinderisch, phantasievoll
Als intellektuell neugierig, offen für neue Ideen, wissbegierig.
 Interessiert an Kunst, Musik und Poesie
 zugänglich für Abwechslung, interessieren sich für neue Reiseziele, für unbekannte Speisen,
 aufmerksam für fremde und eigene Emotionen.

Die Kehrseite der Medaille wäre bei Menschen mit wenig Offenheit, sie gelten als konservativ, routiniert, uninteressiert usw. usw.

Menschen mit großer Offenheit attestiert man eine freimütige Wesensart, Aufgeschlossenheit, die Bereitschaft, sich mit jemandem unvoreingenommen auseinander zu setzen, also frei von Vorurteilen zu sein. Zur Offenheit gehöre Aufrichtigkeit, Deutlichkeit, Gradlinigkeit, Offenherzigkeit, Lauterkeit, rückhaltlose Ehrlichkeit.

Aber Vorsicht: Dieser letzte Satz voller positiv besetzter Begriffe - Aufrichtigkeit, Deutlichkeit, Gradlinigkeit, Offenherzigkeit, rückhaltlose Ehrlichkeit – birgt Sprengpotential. Wenn uns ein Gesprächspartner fragt: „Darf ich offen reden?“ oder wir hören „Ehrlich gesagt“ wie auch „Offen gestanden“ – dann folgt meist etwas, was wir gar nicht so gern hören wollen. Jetzt wird`s unbequem, schwierig.

„Harmlos flog manch` Wörtlein aus, böse ist es angekommen. Sagst du etwas grad heraus, wird es häufig krumm genommen.“

Theodor Storm formulierte hier wohl den zweifelhaften Erfolg einer schonungslosen Offenheit.

Aber - „Wenn das Leben Dir Zitronen schickt, mach` Limonade daraus“ empfiehlt ein Kalenderspruch. Wenn wir daher die offene, ehrliche, konstruktive Kritik eines Menschen hören, dann sollten wir gut zuhören, denn das ist die Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Jeder Mensch macht Fehler und es gibt immer etwas zu verbessern. Wenn uns das jemand offen und ehrlich sagt, haben wir die Chance, etwas zu verändern.

Dennoch ist rückhaltlose Ehrlichkeit und gnadenlose Offenheit nicht immer angebracht. Für das richtige Maß brauchen wir Takt und Fingerspitzengefühl. Eine unserer höchsten Tugenden ist die Toleranz, zu der wir in jeder Hallensitzung vom Sprecherstuhl ermahnt werden. Sie sollte das Maß bestimmen, wieviel Offenheit von Mensch zu Mensch richtig ist.

Wo wir mit offenen Armen empfangen werden, dort gehen wir gern hin, dort fühlen wir uns wohl, verstanden, willkommen. Dieses Menschenbild möchten wir Odd Fellows unserer Umwelt vermitteln. Dennoch bleibt die Frage: wieviel Offenheit ist das richtige Maß? Befriedigt Offenheit Neugier? Und ist ein neugieriger Mensch schon zufrieden, wenn er seine Neugier gestillt hat? Was macht er mit seinem neuen Wissen? Vor allem: Wie können wir sein Interesse wecken, damit er Gefallen an unseren Ideen findet?

Uns interessiert ja vor allem, wie Offenheit bei der Öffentlichkeit ankommt. Immer stärker werden von Logen oder einzelnen Mitgliedern die neuen sozialen Netzwerke genutzt, um die Öffentlichkeit über unseren Orden zu informieren. Auch ich selbst habe das probiert und betrieben, allerdings ohne rechten Erfolg. Das wundert und enttäuscht mich immer wieder, weil ich nicht verstehen kann, daß ein x-beliebiges sinnfreies Video bei Youtube von jetzt auf sofort eine Million likes verzeichnet und es dadurch sogar in die Presse schafft – aber für die Facebook-Seite meiner RL Elisabeth interessiert sich bestenfalls jemand, der bereits Odd Fellow ist.


Daraus entsteht für mich die Frage, wenn wir uns weiter öffnen wollen, wo und wie wollen wir das tun. Es gibt bereits eine breite Palette von Ideen und Versuchen, Öffentlichkeit herzustellen:
Tage der offenen Tür, öffentliche Vorträge in unseren Logenhäusern, öffentliche Neujahrempfänge, Musikveranstaltungen. Es gibt Sommerfeste, Weinverkostungen, Jubiläen, zu denen Spendenempfänger in eine offene Festloge eingeladen werden, karitative Veranstaltungen außerhalb der Logenhäuser gemeinsam mit anderen Trägern, die ihrerseits bereits Zugang zur Presse haben. Die Liste wäre noch mit vielen Beispielen fortzusetzen. Ja, und es gibt auch kleine Erfolge, aber wirklich nur ganz kleine.

Wir sind also schon so viel moderner und offener geworden. Bei jeder Gelegenheit, unsere Logenhäuser für Nichtmitglieder einmal ausnahmsweise zu öffnen, schaffen wir eine Offenheit, die es vor vielleicht 20 Jahren überhaupt noch nicht gegeben hat. Aber immer wieder die Frage: wieviel Offenheit ist richtig? Die Concordia-Loge in Berlin lässt einen Suchenden wirklich erst bei seiner Einweihung in die Halle. Und in dieser Loge sind in den letzten Jahren trotz dieser konservativen Haltung viele junge Brüder aufgenommen worden. Wir Elisabeth-Schwestern gehen den anderen Weg und zeigen bei wirklichem Interesse die Halle vorher oder lassen eine Suchende auch mal an einer Neujahrsloge teilnehmen. Aber auch wir haben in den letzten Jahren eine ganze Menge neuer Schwestern aufgenommen. Das richtige Maß an Offenheit ist also höchst individuell.

Wir haben uns nach meiner Auffassung in den letzten Jahrzehnten schon deutlich gegenüber der Öffentlichkeit geöffnet. Was wollten wir denn nun darüber hinaus noch preisgeben? Den Verlauf einer rituellen Hallensitzung – Passworte – Zeichen? Das wäre doch irgendwie so, als würden wir jedem Einblick in unsere private Bankverbindung einschließlich PIN und TAN gewähren.
Täten wir so etwas Verrücktes, würde uns wohl kaum jemand Geld überweisen, eher das Gegenteil. Nein, so ein paar individuelle Geheimnisse sollten wir Odd Fellows schon noch behalten.

Ich sehe viel eher die Notwendigkeit, dass sich die Logen untereinander mehr öffnen und annähern. Was trennt uns denn? Eindeutig doch nur das Geschlecht, der Zufall, als Junge oder Mädchen geboren zu sein. Wir sind Brüder und Schwestern in ein und demselben Odd Fellow-Orden. In Skandinavien, der Schweiz und den Niederlanden ist die Gleichberechtigung recht weit fortgeschritten. Vielfach sind Ämter in der Großloge von jeweils einem Bruder und einer Schwester besetzt. Da ist Deutschland wohl noch sehr konservativ!

Aber es geht mir gar nicht um Ämter und Positionen. Mit geht es um Schwestern und Brüder, die in einer Idee vereint sind. Wir arbeiten getrennt - aber feiern zusammen. Das ist schön. Aber reicht das schon aus? Erklären Sie doch einmal einem Interessenten unsere Ordensstruktur, ich meine - etwas genauer, z.B. das Bruderlogen Rebekka-Logen nur im Rahmen einer offenen Festloge besuchen können.

Ich habe einen Traum, sagte Martin Luther King einmal, mit dem Ziel, dass Menschen aller Hautfarben einmal ein gleichberechtigtes Leben leben können. Könnten wir uns vielleicht etwas Ähnliches vorstellen? Dass ich es wage, über so verwegene Ideen nachzudenken, hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass es von einigen deutschen Rebekkas bereits Überlegungen gibt, die Geschichten in den Gradenlogen zu modernisieren.


Als ich ganz neu im Odd Fellow-Orden war, war ich fest davon überzeugt, dass Gesetze, Regeln und Rituale unantastbar seien. Erst mit zunehmendem Insiderwissen lernte ich, wie z.B. gesetzliche Veränderungen möglich werden. Und jetzt denke ich hier laut über die Lockerung von Schranken zwischen Bruder- und Rebekka-Logen nach.

Ich strebe ganz bestimmt keine gemischten Logen für Männer und Frauen an. Ich liebe meine wöchentliche Schwesternrunde. Es bliebe selbstverständlich unverändert, dass es in unserem Odd Fellow-Orden Bruder- und Schwesternlogen gibt. Die tagen getrennt und nur auf Einladung gemeinsam. Aber wäre es denn nicht vorstellbar, dass wir über eine gemeinsame rituelle Arbeitsebene nachdenken. Wir alle sind im Herzen Odd Fellows und wir sollten uns trauen, darüber nachzudenken, uns füreinander zu öffnen.

Es hieß anfangs, Offenheit sei gleichzusetzen mit Aufgeschlossenheit, und dies sei das Verhalten, für neue Ideen bereit zu sein. Die Kehrseite der Medaille wären Menschen mit wenig Offenheit, die als konservativ, routiniert und uninteressiert beschrieben werden. Ich weiß sehr wohl, dass ich mich mit diesen Ideen weit nach vorn wage. Aber Systeme und Gruppen, die sich nicht im Sinne ihrer Ideen verändert haben, sind häufig genug in Bedeutungslosigkeit versunken. Das gilt es doch für unseren Orden mit all unseren Kräften zu verhindern.

Damit konservative Brüder keine Konkurrenz befürchten müssen und konservative Schwestern keine Sorge zu haben brauchen, dass die weibliche Seite zu kurz kommt, könnten wir mit aller Offenheit versuchen, einen Konsens für diese innovative verwegene Idee zu finden, wenn wir denn mutig genug sind, sie zu verfolgen. Dann sprechen – für alle erkennbar – Brüder und Schwestern mit einer Stimme und stehen Schulter an Schulter für die Idee der Odd Fellows.

Um alle Zweifel auszuräumen: Es geht hier nicht um Gleichberechtigung und Emanzipation, um Dominanz oder weiblichen Ehrgeiz. Ich habe den Traum von einer starken Odd Fellow-Gemeinschaft mit vielen Schwestern und Brüdern, die diese großartige Idee überzeugt gemeinsam an die Öffentlichkeit tragen, denen es gelingt, ihren menschlichen Idealismus mit großer Offenheit zu transportieren, damit eines Tages jeder weiß, wer wir Odd Fellows sind: nämlich offen für alle Menschen, die guten Willens sind.

So sei es.

II Vortrag: Werner Sommer (Schweiz)

Der Mensch als offenes Wesen

Zusammenfassung:

Der Mensch ist als offenes Wesen konzipiert. Seine Offenheit zeigt sich in drei Sphären: in Offenheit dem Ich gegenüber, in Offenheit der Welt gegenüber und in Offenheit dem Göttlichen gegenüber. Alle drei Formen von Offenheit sind in einer Art Regelkreis miteinander verbunden. Die Offenheit des Menschen ist variabel und dynamisch.


  1. Die Offenheit des Menschen scheint eine biologische Tatsache zu sein. Trotz aller neurobiologischen und genetischen Einschränkungen, trotz aller Bedingtheit durch Alter, Geschlecht, Herkunft und Erfahrung bleibt ein ansehnliches Stück freier Entscheidung. Immer noch gilt der alte Satz Herders: „Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung“ (Über den Ursprung der Sprachen, 1770). Herder schreibt dies als Vertreter der europäischen Aufklärung. Es ist die Epoche, in der die Odd Fellows und ihr Gedankengut ihren Anfang genommen haben.



Im Zeitalter der europäischen Aufklärung (ca. 1650 – 1800) wird die Freiheit und Eigenverantwortlichkeit des Menschen erstmals in breiterem Rahmen thematisiert. Die Aufklärung zeichnet sich auch aus durch kritische Fragen; nicht zuletzt durch kritische Fragen an sich selbst. Nur wer sich immer wieder selbst hinterfragt, kann wirklich offen sein. Offen für Neues, aber auch offen für Altes. Offenheit ist tabulos.

Der offene Mensch muss seine Wahl treffen. Er muss kritisch prüfen. Auch seinen eigenen Standpunkt! Es gilt hier der Satz des Apostels Paulus: „Alles prüfet, das Gute/das Schöne behaltet“ (1. Thess 5,21). Doch was ist das Gute oder das Schöne? Wir haben dazu Kriterien aufzustellen, müssen aber jederzeit bereit sein, diese wieder zu revidieren.



  1. Was aber ist die Offenheit des Menschen?

Man könnte sie als eine innere und äussere Unruhe bezeichnen; als ein Nicht-zufrieden-Sein mit dem gegenwärtigen Zustand; als ein Drängen nach Neuem, nach Anderem. Sie ist auch als eine Form der Achtsamkeit, des Respekts sich selber und dem gegenüber, was uns von aussen an Menschen begegnet und an Ereignissen zustösst.

Hermann Hesse hat das einmal (im Gedicht „Stufen“, 1941) so formuliert:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Hermann Hesse hofft auf eine positive Entwicklung des Menschen und seiner Geschichte. Das Ziel des Weltgeistes sei eine stufenweise Verbesserung des Einzelnen. Doch manchmal kommt es anders! Es gibt auch eine Entwicklung zum Schlechteren. Dessen sollten sich die Aufklärer aller Zeiten bewusst sein. Man redet da von der „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer und Adorno, 1944): die Aufklärung kann sich zum Guten, wie auch zum Schlechten wenden. Denn der Firnis der Zivilisation ist äusserst dünn.



  1. Ich sehe drei Bereiche menschlicher Offenheit. Alle drei sind mit einander verbunden und bedingen sich gegenseitig. Jeder der drei Bereiche ist variabel und dynamisch. So bekommt die menschliche Offenheit unendlich viele Gesichter. Alle drei Bereiche sind gleichzeitig. Das heisst: es gibt keine zeitliche oder inhaltliche Rangfolge. Unsere folgende Aufzählung wertet daher nicht. Sie geht vom Inneren zum Äusseren.



  2. Die Offenheit dem Ich gegenüber. Sie ist sich selber gegenüber möglichst unvoreingenommen. Sie setzt ein Selbstbewusstsein als eigenständige Persönlichkeit voraus. Sie ist Teil der Individualisierung des Menschen. Sie bedingt, dass der Mensch „Ich“ sagen kann. Er weiss sich abzugrenzen gegenüber anderen. Dort liegt auch der Sinn der kleinkindlichen Trotzphase. Sie übt das Selbstbewusstsein ein.



Der Blick auf die Geschichte der Menschheit zeigt, dass sich die Individualisierung des Einzelnen erst langsam hat durchsetzen können. Schön beobachten kann man dies im Judentum (ab etwa 600 v. Chr.) mit den Prophetengestalten, den Psalmen und der Person des Jesus von Nazareth, und dann später im Christentum, das von dieser Tradition genährt wird (Beispiele: Paulus und später um 400 n. Chr. Augustinus). Einen ganz besonderen Zugang zum Ich hat dann am Ende des 19. Jahrhunderts die Psychoanalyse gefunden. Die moderne Offenheit des Menschen zu sich selbst wurde dadurch entscheidend geprägt.

  1. Die Offenheit der Welt gegenüber. Sie gebiert aus sich heraus das, was wir – im positiven wie im negativen Sinne - Zivilisation und Kultur (inklusive Religion) nennen. Diese sind es, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheiden.



Man kann über den Ursprung der menschlichen Weltoffenheit spekulieren. Ist sie am Anfang der Altsteinzeit nur die Antwort des Menschen auf die Anforderungen des Überlebens? Ist das innere und äussere Nomadentum ein Relikt der steinzeitlichen Gesellschaften auf der Suche nach neuen Jagd- und Sammelrevieren? Doch es bleibt ein – primär unerklärlicher - Überschuss an menschlicher Aktivität und Kreativität. Denn die Menschen haben sich seit je auch kulturell betätigt. Das zeigen die Schmuckstücke und die Verzierungen auf Werkzeugen. Von den Höhlenmalereien und plastischen Figuren aus jener Zeit ganz zu schweigen. Sie alle sind Zeugnis der Offenheit des Menschen, die Neues schafft. Auch bezeugen viele dieser Artefakte eine Ahnung des Religiösen.

Zu den grundlegenden Mythen der Welt gehört die biblische Exodus-Erzählung (Assmann, 2015). In ihr wird die fast zwanghafte Weltoffenheit des Menschen an der Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten exemplifiziert (2.-5. Mose und Josua). Dieser Mythos zeigt auch die enge Verbindung zwischen Weltoffenheit und Gottoffenheit.



  1. Die menschliche Offenheit dem Göttlichen und Religiösen gegenüber. Sie wird eindrücklich gewürdigt zu Beginn von Augustins „Bekenntnissen“ (diese sind im Übrigen auch ein herausragendes Beispiel der Offenheit dem eigenen Ich gegenüber). Das Ziel der menschlichen Existenz ist Gott:



Und dennoch preisen will dich der Mensch, ein kümmerlicher Teil deiner Schöpfung.Du selber reizest an, dass dich zu preisen Freude ist; denn geschaffen hast du uns zu dir, und ruhelos ist unser Herz, bis es in dir ruht.“ (Aug. Conf. I1)

Das ganze erste Kapitel von Augustins „Bekenntnissen“ ist eigentlich nichts Anderes als eine Paraphrase zum 42. Psalm: der Mensch ist fast zwanghaft auf der Suche nach dem Göttlichen. Eine Sicht, die alle heiligen Schriften der Menschheit bezeugen.


Ganz allgemein können wir sagen, dass der Blick des Menschen für das Göttliche geöffnet wird im Moment einer Grenzerfahrung. Im Erleben einer Geburt, im Erfahren eines Schicksalsschlages wie Krankheit, Unglück oder Tod, in unerhörten Glücksmomenten wie auch in entsetzlichen Erlebnissen stösst der Mensch an seine Grenzen. Er sucht den Sinn des Ganzen und ahnt eine alles übersteigende Macht (Transzendenz). Er erfährt das Numinose, das Geheimnisvolle, das „Heilige“, das Ganz-Andere.
Diese Erfahrung ist ambivalent. Sie umfasst Negatives wie Positives, das Erschreckende, Abstossende wie auch das Anziehende, Faszinierende. Die Öffnung des Menschen für das Transzendente kann manchmal gewaltsam geschehen (Bekehrung). Die Grenzerfahrung des Göttlichen lehrt Demut. Der Mensch erfährt, dass nicht alles machbar ist; dass ein Rest bleibt, über den er nicht verfügt.

  1. Die Offenheit des Menschen besitzt eine dialogische Struktur. Sie ist offen für ein Gegenüber. Sie nimmt Impulse von aussen auf und gibt Impulse von innen nach aussen. Sie verlangt Achtsamkeit diesen Impulsen gegenüber. Der Mensch ist in einem ständigen Gespräch mit sich, mit der Welt und mit dem Göttlichen.



  2. Angesichts dieses Sachverhaltes stellen sich für unseren Orden folgende Fragen:

  • Bewerten wir die Tradition inklusive Freibriefe zu hoch? Schränken wir so die Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen und Fragestellungen nicht zu sehr ein? Oder anders gefragt: sind Ordenslehre und Freibriefe Dogmen, die einfach geglaubt und übernommen werden müssen?

  • Der komplexe Begriff „Liebe“ (bei Plato und im Neuen Testament zentral) ist im Orden zur eindimensionalen „Nächstenliebe“ abgewertet worden. Wäre der Begriff „Achtsamkeit“ als Form der dialogischen Struktur der Offenheit nicht besser verständlich und umfassender?

  • Dasselbe gilt für den Begriff der „Wahrheit“. Sie ist abgewertet worden zur eindimensionalen, moralisch belasteten „Wahrhaftigkeit“. Würde „Offenheit“ nicht besser zu dem passen, was wir unter Suche nach Sinn und Wahrheit verstehen?

Kurz zusammengefasst: wie wäre die neue Ordensdevise:


Freundschaft, Achtsamkeit und Offenheit anstelle von Freundschaft, Liebe, Wahrheit?

Pfr. Dr. Werner A. Sommer Südstrasse 33 B


CH-4900 Langenthal w.sommer@besonet.ch

III Vortrag: Patr. Henny Dijkstra





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